6.3.2026: Wildes 5:4 in Nürnberg

Die Eisbären Berlin haben in Nürnberg genau das geliefert, was man im Saisonendspurt entweder liebt oder nur mit erhöhtem Puls übersteht: ein wildes, intensives, manchmal chaotisches und am Ende glückliches 5:4 bei den Ice Tigers. Schön war daran nicht alles, spannend dafür praktisch jede Minute. Und weil Bremerhaven zeitgleich patzte, durften sich die Berliner am Ende nicht nur über drei wichtige Auswärtspunkte freuen, sondern auch über Platz sechs. Das ist in dieser Phase der Saison ungefähr so gemütlich wie ein Sitzplatz mit Heizdecke.

Dabei begann der Abend schon wieder mit schlechten Nachrichten. Korbinian Geibel fällt mit einer Schulterverletzung für den Rest der Saison aus, was die ohnehin angespannte Personalsituation in der Defensive noch einmal verschärft. Moritz Kretzschmar rückte dafür an die Seite von Adam Smith, und Serge Aubin blieb ansonsten bei seiner Aufstellung. Viel Auswahl ist im Moment eben auch eher ein romantisches Konzept als sportliche Realität.

Von Beginn an war zu spüren, dass hier niemand einen lockeren Frühlingsabend verbringen wollte. Beide Teams gingen mit ordentlich Zug und noch mehr Körpersprache ins Spiel. Es wurde intensiv, es wurde robust, und nach den Pfiffen der Schiedsrichter wurde es stellenweise sogar noch lebhafter. Spielerisch war das erste Drittel allerdings eher eine Mischung aus gutem Willen, harten Zweikämpfen und einigen Fehlpässen, bei denen man kurz den Eindruck bekam, die Scheibe sei mit einem Überraschungsei verwechselt worden. Chancen gab es trotzdem auf beiden Seiten, Tore aber keine. Das 0:0 nach 20 Minuten passte daher ganz gut.

Im zweiten Drittel wurde dann aus vorsichtiger Spannung plötzlich ein offener Schlagabtausch. Marcel Noebels brachte die Eisbären in Führung, nachdem er seinen eigenen Nachschuss verwertete. Endlich stand da das 1:0, und man durfte kurz hoffen, dass Berlin das Spiel jetzt etwas ruhiger gestalten könnte. Diese Hoffnung hielt ungefähr so lange wie ein Eiswürfel auf der Motorhaube. Nürnberg antwortete prompt, weil die Scheibe nicht sauber geklärt wurde und die Zuordnung in der Berliner Defensive eher lose Bekanntschaft als enge Beziehung war. Evan Barratt glich zum 1:1 aus.

Doch auch die Eisbären blieben nicht lange still. Jean-Sébastien Dea traf kurz darauf zum 2:1, und man konnte ihm die Erleichterung förmlich ansehen. Vielleicht war das tatsächlich der Moment, in dem sich ein Knoten löste. Vielleicht war es auch einfach nur die pure Freude darüber, dass bei diesem Spiel überhaupt noch jemand den Überblick behielt. Kurz danach durfte Berlin in Überzahl ran, und tatsächlich funktionierte das Powerplay einmal so, wie man es sich in seinen optimistischen Momenten vorstellt. Yannick Veilleux erhöhte auf 3:1.

Wer nun dachte, das würde für etwas Ordnung sorgen, kennt dieses Spiel entweder nicht oder wollte sich selbst etwas vormachen. Statt Ruhe gab es Diskussionen, fragwürdige Entscheidungen und gleich mehrere Unterzahlsituationen für die Eisbären. Die ersten beiden überstanden sie noch stark, doch bei der dritten wurde es bitter. Cole Maier verkürzte für Nürnberg auf 2:3, wobei die Entstehung des Treffers aus Berliner Sicht reichlich ärgerlich war, weil Jonas Stettmer zuvor deutlich behindert wirkte. Es blieb also beim bekannten Motto des Abends: ruhig kann jeder, Nürnberg wollte Drama.

Im Schlussdrittel ging es genauso weiter. Viel Gerangel, viele Nickligkeiten, viele Pfiffe, bei denen sich vermutlich beide Mannschaften fragten, nach welchem Regelbuch gerade gespielt wurde. Sportlich richtig interessant wurde es dann in den letzten zehn Minuten, und da betraten die jungen Berliner die Bühne. Moritz Kretzschmar legte auf für Eric Hördler, der zum 4:2 traf. Für Kretzschmar war es der erste Scorerpunkt in der DEL, was in so einem Spiel natürlich gleich doppelt Spaß macht. Wenn man schon ins kalte Wasser geworfen wird, kann man dort wenigstens mit einem Punkt wieder auftauchen.

Aber selbst mit zwei Toren Vorsprung war dieses Spiel noch lange nicht entschieden. Nürnberg schlug durch Julius Karrer noch einmal zurück und verkürzte auf 3:4. Die Halle glaubte wieder daran, die Ice Tigers sowieso, und auf Berliner Seite dürfte der ein oder andere Puls inzwischen im Bereich eines Presslufthammers angekommen sein. Als Nürnberg dann den Torhüter vom Eis nahm, sorgte Liam Kirk mit dem 5:3 ins leere Tor scheinbar für die Entscheidung. Scheinbar, wohlgemerkt. Denn natürlich wurde es noch einmal unnötig aufregend. Obwohl Nürnberg kurz darauf in Unterzahl war, traf Thomas Heigl tatsächlich zum 4:5. Ein Unterzahltor in dieser Phase passte perfekt zu einem Spiel, das sich konsequent weigerte, vernünftig zu sein.

Am Ende retteten die Eisbären den knappen Vorsprung über die Zeit und nahmen drei enorm wichtige Punkte mit nach Hause. Offensiv ist das inzwischen durchaus beeindruckend. Fünf Tore in Nürnberg, davor fünf Tore in Dresden, dazu der Sieg gegen Iserlohn – vorne klappt momentan einiges. Defensiv bleibt es dagegen ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Die Berliner wackeln hinten weiterhin spürbar, und das könnte in den kommenden Spielen ein ernstes Problem werden. Mit Köln, Mannheim und München warten jetzt Gegner, die Fehler nicht freundlich zur Kenntnis nehmen, sondern sehr direkt bestrafen. Der Ausfall von Geibel kommt deshalb zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Unterm Strich bleibt dennoch ein Abend, den man aus Berliner Sicht gern mitnimmt. Zweiter Auswärtssieg in Serie, Platz sechs zurückerobert, fünf Tore geschossen, junge Spieler mit starken Momenten, wichtige Punkte eingesammelt. Schön war das nicht immer, souverän schon gar nicht, aber erfolgreich. Und in dieser Phase der Saison fragt später niemand mehr, ob der Sieg geschniegelt oder leicht zerzaust daherkam. Hauptsache, die Eisbären haben das bessere Ende für sich. Diesmal mit viel Arbeit, etwas Chaos und genau der richtigen Portion Wahnsinn.

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