4.4.2026: 76:30 Minuten Wahnsinn: Vikingstad schickt die Eisbären ins Halbfinale und Straubing in die Sommerplanung
Manche Spiele sind nichts für schwache Nerven, und dieses hier war vermutlich nicht mal etwas für Menschen mit völlig gesunden Nerven. Die Eisbären Berlin haben Spiel sechs gegen die Straubing Tigers mit 6:5 nach Verlängerung gewonnen, die Viertelfinalserie mit 4:2 für sich entschieden und sich damit das Halbfinalticket gegen die Kölner Haie gesichert. Der Held des Nachmittags hieß Markus Vikingstad, der nach 76:30 Minuten die Entscheidung besorgte und damit eine Partie beendete, die zwischenzeitlich wirkte, als hätte jemand den Wahnsinn zur offiziellen Taktik erklärt.
Dabei begann der Nachmittag für Berlin erst einmal so, als hätte der Wecker in der Kabine nicht bei allen gleichzeitig geklingelt. Straubing legte mutig los, presste aggressiv, war sofort im Spiel und stellte die Eisbären früh vor Probleme. Pässe kamen nicht an, das Berliner Spiel wirkte zerfahren, und die Gäste hatten in der Anfangsphase klar mehr Zugriff. Jonas Stettmer war deshalb von Beginn an gefordert und zeigte schnell, dass er auch diesmal wieder mehr als nur ein normaler Rückhalt sein würde. Er war vielmehr eine Mischung aus Torwart, Feuerwehr und persönlichem Albtraum für die Tigers.
Die Eisbären fanden zunächst offensiv kaum statt, selbst die ersten Powerplays sahen eher nach Suche nach dem richtigen WLAN-Passwort als nach gefährlichem Überzahlspiel aus. Straubing nutzte die Berliner Unsicherheit schließlich zur verdienten Führung, als Marcel Brandt einen Konter eiskalt zum 0:1 abschloss. In diesem Moment sprach nicht viel für einen entspannten Eisbären-Nachmittag, aber entspannt kann diese Mannschaft in den Playoffs offenbar ohnehin nicht. Statt lange zu hadern, schlugen die Berliner sofort zurück. Yannick Veilleux glich nur wenig später zum 1:1 aus und sorgte damit dafür, dass der Gästeblock kurz verstummte. Und weil ein Ausgleich allein noch keine komplette Stimmungswende ist, legte Andreas Eder kurz vor der ersten Pause auch noch das 2:1 nach. Aus einem zähen Beginn war plötzlich eine Berliner Führung geworden, und man rieb sich schon da ein wenig verwundert die Augen.
Im zweiten Drittel schien Berlin dann endgültig im Spiel angekommen zu sein. Adam Smith erhöhte früh auf 3:1, und plötzlich wirkte vieles wieder deutlich vertrauter. Das Forechecking war griffiger, die Eisbären hatten mehr Kontrolle und schienen das Spiel in die gewünschte Richtung zu lenken. Aber Straubing dachte überhaupt nicht daran, sich schon mit dem Sommerurlaub zu beschäftigen. Die Tigers kämpften sich mit beeindruckender Hartnäckigkeit zurück. Erst verkürzte Nick Halloran im Powerplay auf 3:2, dann glich Adrian Klein zum 3:3 aus. Innerhalb weniger Minuten war die Partie wieder völlig offen, und in der Arena machte sich das Gefühl breit, dass dieser Nachmittag noch einiges an Drama im Angebot haben würde.
Berlin brauchte eine Antwort, und die kam. Ty Ronning traf zum 4:3, nachdem er sich im Konter zunächst noch vergeblich umgesehen hatte und dann einfach selbst die Sache regelte. Eine durchaus vernünftige Entscheidung, wie sich herausstellte. Kurz vor der zweiten Drittelpause setzte Jonas Müller noch einen drauf und stellte auf 5:3. Wer bis dahin dachte, mit zwei Toren Vorsprung könnte nun vielleicht etwas Ruhe einkehren, hatte allerdings die Rechnung ohne diese Partie gemacht.
Im Schlussdrittel blieb Straubing hartnäckig wie ein Werbeanruf am Samstagmittag. Die Tigers drückten weiter, glaubten an ihre Chance und wurden dafür belohnt. Tim Fleischer traf im Powerplay zum 5:4, und plötzlich war wieder alles offen. Die Eisbären hatten zwar Chancen, den alten Abstand wiederherzustellen, ließen diese aber liegen. So blieb das Zittern in der Arena am Ostbahnhof Dauergast. Straubing ging schließlich volles Risiko, nahm den Goalie vom Eis und wurde tatsächlich belohnt. Nick Halloran erzielte 1:48 Minuten vor Schluss den 5:5-Ausgleich. Spätestens da war klar: Dieses Spiel hatte längst beschlossen, kein normales Viertelfinale mehr sein zu wollen.
Die Eisbären bekamen kurz vor Ende der regulären Spielzeit sogar noch ein Powerplay und damit die große Gelegenheit, die Sache ohne Verlängerung zu regeln. Doch Henrik Haukeland machte diese Hoffnung zunichte und hielt Straubing im Spiel. Also ging es in die Overtime, wo aus Anspannung endgültig Hochspannung wurde. Die Berliner starteten auch dort mit Überzahl, konnten diese aber ebenso wenig nutzen wie zuvor einige andere Gelegenheiten. Danach entwickelte sich eine Verlängerung, in der jeder Angriff das Potenzial hatte, die Arena entweder in Ekstase oder in Schockstarre zu versetzen. Beide Mannschaften lauerten, beide wussten um die Bedeutung des nächsten Fehlers, und beide schenkten sich weiterhin nichts.
Je länger die Overtime dauerte, desto mehr wuchs das Gefühl, dass dieses Spiel nur durch einen besonderen Moment entschieden werden konnte. Und genau dieser Moment kam schließlich in der 77. Minute. Die Eisbären setzten sich im Drittel der Tigers fest, erhöhten den Druck, und Markus Vikingstad traf zum 6:5. Danach gab es kein Halten mehr. Auf Berliner Seite brach grenzenloser Jubel aus, während Straubing trotz einer starken Serie mit hängenden Köpfen vom Eis ging. Die Tigers hatten den Eisbären alles abverlangt und sich als unangenehmer, mutiger und absolut würdiger Gegner präsentiert.
Was von diesem Spiel bleibt, ist ein Playoff-Klassiker mit allem, was dazugehört: Wendungen, Nackenschläge, Comebacks, Torfestival, Overtime und ein entscheidender Moment, der noch lange in Erinnerung bleiben wird. Für die Eisbären bleibt außerdem die Erkenntnis, dass sie selbst dann einen Weg finden können, wenn ein Spiel komplett aus dem Drehbuch kippt. Und dann war da natürlich wieder Jonas Stettmer, der über weite Strecken überragend hielt und einmal mehr zeigte, wie wichtig er für diese Mannschaft inzwischen ist. Ohne ihn wäre dieser wilde Ritt womöglich deutlich früher in eine andere Richtung abgebogen.
Am Ende zählen in den Playoffs keine Schönheitsnoten, sondern Siege. Und den haben sich die Eisbären auf dramatische, nervenaufreibende und vielleicht auch leicht herzschädigende Weise geholt. Das Viertelfinale ist gewonnen, das Halbfinale wartet, und dort geht es nun gegen die Kölner Haie. Nach so einem Nachmittag darf man jedenfalls festhalten: Diese Mannschaft liebt es offensichtlich, ihre Fans emotional einmal komplett durch den Fleischwolf zu drehen, nur um am Ende doch noch alles gut werden zu lassen.
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